Die Unterschiede
Für das Verstehen der Identität eines Fachgebiets ist es oft hilfreich, die Grundlagen und Inhalte von anderen Fachgebieten abzugrenzen. Jemand oder etwas wird in seiner Kontur auch dadurch deutlicher, was er nicht ist.
Analytische Therapie und Verhaltenstherapie unterscheidensichauf mehreren Ebenen:
1. auf ihrem theoretischen Hintergrund.
2. durch ihre Ziele innerhalb der Therapien (mit denen letztlich natürlich beide Therapierichtungen ein gemeinsames übergeordnetes Ziel erreichen möchten, dass es dem Patienten besser geht).
3. unterschiedliche Fragestellungen
4. die unterschiedliche Art der sog. therapeutischen Beziehung
Der Unterschied in der Theorie bezieht sich ganz zentral auf die Vorstellung über das Unbewusste. Ein Unbewusstes i.S. der Psychoanalyse gibt es in der Verhaltenstherapie nicht. Auch nicht die Vorstellung, dass dieses Unbewusste eine eigene Dynamik hat. Spricht man in der Verhaltenstherapie über unbewusstes, so ist es eher im Sinne einer "Ablage" gemeint, in der die Daten passiv darauf warten, irgendwann aktiviert zu werden. Es stehen die erlernten Reaktionen im Vordergrund des Interesses.
In der Psychoanalyse wird unter dem Unbewussten etwas ganz anderes verstanden (mit kleinen Unterschieden, je nachdem ob der Betrachter eher einen triebtheoretischen, beziehungstheoretischen oder selbsttheoretischen Standpunkt einnimmt). Das Unbewusste ist hier immer eine Ebene, die durch eigene Aktivität die Tätigkeit des Bewusstseins bestimmt, und die ihre "Struktur" durch die bisherige Entwicklung des Individuums bekommen hat. Es ist eine Ebene mit einer eigenen Dynamik bzw. Konflikthaftigkeit oder Logik, die sich sogar gegen das Bewusstwerden "wehren" kann (weil das mit Schmerzen verbunden wäre). Wenn Psychoanalytiker von "Widerstand" sprechen, meinen sie diesen Vorgang, und wollen nicht etwa dem Patienten unterstellen, dass er selbst Widerstand gegen den Therapeuten leisten würde.
Beide Vorstellungen über das Unbewusste sind mit einem unterschiedlichen Menschenbild verknüpft. Aus der verhaltenstherapeutischen Grundeinstellung ergibt sich das Bild vom Menschen als Produkt seiner erlernten bzw. auch nicht erlernten Verhaltensweisen und Denkmuster. Das Menschenbild der Psychoanalyse sieht den Menschen eher als Ergebnis einer Reihe von bewältigten aber auch nicht zu bewältigenden Konflikten, denen er im Laufe seiner Entwicklung ausgesetzt war, und die gleichzeitig oft unbewusst geblieben sind (oder z.B. durch Verdrängung unbewusst geworden sind). Sinnfagen, philosophische und religiöse Aspekte sind mit diesem Menschenbild wie selbstverständlich verbunden.
Auch mit dem Begriff "Konflikt" meinen Psychoanalyse und Verhaltenstherapie etwas unterschiedliches. Es gibt Konfliktsituationen mit der Umwelt und anderen Menschen (meist sogar mit engsten Bezugspersonen), daran arbeiten alle Therapieformen. Die Psychoanalyse konzentriert sich zusätzlich auf die "inneren" Konflikte, die jeder Mensch mit sich selbst oder besser in sich selbst hat (z.B. zwischen Egoismus und Gewissen), die oft eben unbewusst sind, und so nicht ausreichend bearbeitet werden können.
Dieser Unterschied in Theorie und Menschenbild führt logischerweise zu unterschiedlicher Anwendung der "seelischen Mittel" (siehe "was ist Psychotherapie") in der Behandlung.
Ausgehend vom "Symptom" eines Menschen, seinem Leiden, mit dem er einen Therapeuten aufsucht, hat die Verhaltenstherapie die Vorstellung, ein ungünstiges Verhalten oder eine nicht funktionale Denkweise auszulöschen und neu lernen zu können. Deshalb ist dort das hauptsächliche Mittel die Analyse eines Verhaltens, oder auch eines krankmachenden Denkmusters ("kognitive Verhaltenstherapie") und das Einüben neuer Verhaltensmuster bzw. Denkmuster, eine Art Umschulung, in welcher der Therapeut Spezialist für das Problem des Patienten ist. Im Vordergrund steht die Frage der Verhaltensstrategie ("Coping"), mit der man mit einem Problem umgehen kann. Diese Ziele sind in einem Ursache-Wirkungsprinzip recht einfach definierbar und in ihrem Erfolg auch einfach kontrollierbar. Deshalb wird von Verhaltensterapeuten die eigeneTherapierichtung gern als die einzig wissenschaftlich begründete Methode gesehen.
Man kann allerdings nur vergleichbare Prozesse miteinander vergleichen. Um das übergeordnete Ziel (Beseitigung oder Milderung von Krankheit) zu erreichen, strebt die analytisch orientierte Therapie schwerpunktmässig einen anderen Weg an, und braucht damit auch einen anderen, komplexeren wissenschaftlichen Zugang:
Die Ziele von analytischer Therapie sind weniger darauf ausgerichtet, was an Handlung äußerlich sichtbar ist, sondern was sich an persönlicher innerer "Struktur" verändern kann. Im Vordergrund steht hier also die innere Verarbeitung eines Problems mit Veränderung der innerseelischen Grundlage für zukünftiges Handeln (auch eine Art "Coping"). Was mit Struktur gemeint ist, würde an dieser Stelle zu viel Raum einnehmen, im Grossen und Ganzen handelt es sich dabei um die sog. Verinnerlichung von Erfahrungen mit wichtigen Bezugspersonen. Da diese Struktur nicht so direkt beobachtbar ist, muss man sie überwiegend aus den Gefühlen und Erfahrungen rückschliessen, die der betreffende Mensch wiederum in seinem Gegenüber auslöst (die Arbeit mit sog. Übertragung und Gegenübertragung). Während diese Prozesse für die Verhaltenstherapie von untergeodneter Bedeutung sind, stellen sie für die analytische Therapie im Kontext der sog. "therapeutischen Beziehung" das zentrale "therapeutische Mittel" dar. Man geht davon aus, dass auf diesem Weg innere Entwicklung/Reifung die strukturellen Bedingungen so verändert, dass ein Mensch zum Spezialisten für sich selbst und seine bisher unbewusste Dynamik wird (anstatt dass der Therapeut der Spezialist ist). Er wird sein Leid dadurch bewältigen, dass er dessen Grundlagen ausreichend verstanden, bearbeitet und damit überwunden hat, auf diese Weise dem zugrunde liegenden Konflikt seine zerstörerische Kraft nimmt.
Langzeitbeobachtungen nach Abschluss analytischer Therapien haben gezeigt, dass diese verbesserten inneren Möglichkeiten noch Jahre nach Abschluss einer Therapie weiter zunehmen, und zwar um so ausgeprägter, je länger die Therapie gedauert hatte (Sandell et al., Leutzinger-Bohleber et al.). Solche Langzeitbeobachtungen nach Abschluß einer Therapie liegen für die Verhaltenstherapie noch nicht vor. Je kürzer eine Therapie ist, um so eher besteht die Tendenz, dass sich die erreichten Effekte wieder verlieren (soweit es um grundsätzliche, sog. strukturelle Veränderungen geht).
Die Fragestellungen von Verhaltenstherapie und Psychoanalyse unterscheiden sich aufgrund des bisher gesagten deutlich. Mit "kognitiv" (in der Verhaltenstherapie) ist die Frage verbunden was tut ein Mensch, wie tut er es, was denkt er und wie denkt er. Mit "analytisch" ist zusätzlich die Frage verbunden warum tut er etwas oder warum denkt und empfindet er gerade so und nicht anders. Hier wird am ehesten deutlich, was mit "Tiefe" gemeint ist: Eine unbewusste Motivation zu verstehen. Welcher unbewusste, bisher nicht aufgelöste Konflikt, Schmerz oder welches nicht eingestandene Bedürfnis, welche nicht eingestandene Schuld liegt unter dem sichtbaren Verhalten und bestimmt, was "oben" im Bewusstsein passiert. Mit "Tiefe" ist auch die Frage der Bedeutung verbunden, die Frage: Was bedeutet (daher der Begriff "Deutung") ein Sachverhalt oder eine Handlung für den betreffenden Menschen. Und: Warum bedeutet es gerade dieses und nicht etwas anderes. Analytische Therapie führt an dieser Stelle über den Anspruch der Verhaltenstherapie hinaus, arbeitet dort weiter, wo Verhaltenstherapie aufhört. Sichtbares psychisches "Verhalten" ist das eine, die "unbewusste Motiation" für dieses Verhalten das andere.
Obwohl man heute davon ausgeht, dass sich die Positionen der Therapierichtungen annähern müssen, jeder vom anderen etwas lernen kann, schliessen sich innerhalb der therapeutischen Situation die Arbeitsweisen in mancher Hinsicht aus. Aus diesem Grund hat jeder Therapeut seine Identität innerhalb einer dieser Therapierichtungen.