Populäre Irrtümer
Irrtümer, wie es sie bezüglich der Psychoanalyse gibt, gibt es wohl auf allen Fachgebieten, aber selten werden so viele Phantasien und Rivalitäten auf so verwirrende Weise mit einem Fachgebiet vermischt (und das seit 100 Jahren) Daher ist es besonders notwendig, das eine oder andere richtig zu stellen. Hier nur einige Beispiele, die möglicherweise ergänzt werden müssten.
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Ist Analyse ein "Wühlen" in der Vergangenheit? |
Ist Analyse ein "Wühlen" in der Vergangenheit ?
Dies wird wohl häufig so verstanden. Aber es gibt ein Sprichwort, daß man nur wissen kann, wo man hin will, wenn man weiß, woher man kommt. Es ist auch für die seelisch bedingte Erkrankung unumgänglich, die ganze Entwicklung der krankmachenden Umstände zu verstehen. Die Beschäftigung mit "Vergangenheit" meint in diesem Zusammenhang nicht etwas wirklich Vergangenes, sondern das, was davon noch heute innerseelisch hochaktiv (und damit für die Seele Gegenwart) ist, oft ohne daß wir dies wissen. Die Beschäftigung damit kann nicht Selbstzweck sein, das Interesse der Analyse ist selbstverständlich Entwicklung, und nicht Verharren in Vergangenem. Es ist Ziel, ein Leben in Gegenwart und Zukunft möglich zu machen, in dem krankmachende Erfahrung bzw. Erinnerung wirklich zur Vergangenheit werden konnte.
Will Analyse jeden überführen, daß er/sie eigenlich mit Mutter oder Vater schlafen und den anderen Elternteil umbringen wollte ?
Diese stark vereinfachte und grob verfälschte Darstellung des "Ödipuskomplex" scheint für die meisten Menschen mit Psychoanalyse gleichgesetzt zu werden. Wenn fachfremde Wissenschaftler argumentieren, dann scheinen sie oft zu glauben, daß sie Psychoanalyse außer Kraft setzen können, wenn sie diesen "Komplex" nicht bei jedem Menschen wiederfinden können. Den Kern der Analyse macht aber ihre Arbeitsweise aus (siehe oben) und nicht der Ödipuskomplex, auch wenn die Arbeit an "ödipaler" Problematik wichtig ist.
Mit dem Begriff "ödipal" ist nicht nur die oft karrikierte Liebe des kleinen Jungen zu seiner Mutter gemeint: Es ist damit das gesamte Beziehungsgeflecht zwischen Kindern und Eltern gemeint, welches der sog. "frühen" Entwicklung zeitlich folgt (die "frühen" Konflikte stehen heute im analytischen Konzept mindestens gleichwertig neben den "ödipalen"). "Ödipal" meint in diesem Zusammenhang eine Entwicklungsphase, in der ein Kind weniger auf die Zweierbeziehung zur Mutter ausgerichtet ist, sondern lernen muss, mit den Schwierigkeiten und Chancen einer Dreierbeziehung zu leben. Dabei geht es auch um die Liebe zu beiden Eltern, nicht nur die Konkurrenz zum gleichgeschlechtlichen Elternteil, und zwar mit dem Wissen, daß man einmal Mann oder Frau sein wird. In dieser Zeit entscheidet sich, ob und wie man sich später als Mann oder Frau fühlt, und wie man mit dem anderen und eigenen Geschlecht umgeht. Die ödipale Entwicklung ist dann geglückt, wenn jeder der Beteiligten die Beziehung der beiden anderen untereinander billigen oder sogar positiv erleben kann. Das alles wird normalerweise zuerst mit den Eltern erfahren. Der Blick auf die Konkurrenzsituation von Geschwistern untereinander sollte dabei nicht zu kurz kommen.
Vielleicht wird in der Kürze deutlich, daß es beim "Ödipus" doch um mehr als "crime & sex" (oder Witzfiguren) geht. Wer hat übrigens schon das Original des griechischen Mythos gelesen? Das wäre auch mal eine Idee. Dort steht es schon, wie sehr die Eltern (der Vater Laios und die Mutter Iokaste) selbst an einer missglückten "ödipalen" Entwicklung Teil haben.
Missbrauch oder kindliche Phantasie?
Häufig wird der Psychoanalyse unterstellt, sie verleugne den alltäglichen sexuellen Missbrauch, indem sie versuche, diesen Missbrauch auf eine kindliche Phantasie zurückzuführen.
Real ist, daß Freud bereits1895 als erster die Bedeutung von sexuellem Missbrauch als Ursache für schwere seelische Störungen erkannte. Missbrauch wurde damals als "Verführung" bezeichnet ("Verführungstheorie"). Da aber in der Beziehung zwischen Eltern und Kindern die Kinder keine passiven Wesen sind, sondern ebenfalls Bedürfnisse und Phantasien haben, entstand bald darauf die Einsicht, daß auch das Kind seine (wie auch immer gearteten) "Triebe" in die Vorstellung über seine Beziehung zu den Eltern einbaut ("Triebtheorie"). Die heute etwas antiquiert klingenden Begriffe sind zwar vom Wortklang her ungewohnt, aber inhaltlich hoch aktuell. Mittlerweile ist es selbst der Sensationspresse (und Gerichten) nicht mehr unbekannt, daß es neben realem Missbrauch auch Anklagen gibt, die so nicht stimmen können ( und wenn es die Ehepartner sind, die bei Scheidungen den anderen Elternteil verleumden).
Freud hat niemals die sog. Verführungstheorie aufgegeben, sondern er hat Abstand davon genommen, daß das Trauma des Missbrauchs die alleinige Ursache für seelische Erkrankungen ist. Und er hat einen Schwerpunkt der Betrachtung darauf gelegt, was sich bezüglich Sexualität im Seelenleben des Kindes selbst ereignet, bzw. noch vom Erwachsenen erinnert wird. Denn dieser kommt später zur Behandlung. Etwas, das heute für die Behandlung von Opfern anderer Art von Gewalt selbstverständlich ist. Jedem ist einsichtig, dass nicht nur das Trauma bestimmt, welche Auswirkungen es hat, sondern auch der Mensch, der davon betroffen ist. Die Umstände einer Missbrauchssituation oder auch einer kindlichen Phantasie oder auch eigener "Triebregungen" sind vorbei, was sich im Kind daraus entwickelt hat nicht. Die Behandlung ist nicht mehr mit der realen Situation konfrontiert, sondern mit Erinnerungen (natürlich auch Phantasien) und daraus entstandenen Entwicklungen. Diese sind auch vom Wesen des betroffenen Menschen/Opfers abhängig, nicht nur von der Verletzung selbst. Aus der Verlagerung des Schwerpunktes der Betrachtung lässt sich nicht ableiten, daß Psychoanalyse das reale Trauma verleugnen würde.
Sehr deutlich lässt sich diese Frage an dem alten, zwischenzeitlich überholten Streit festmachen, ob der Mensch "Produkt" seiner Gene oder seiner Erziehung ist: Das Kind ist bei Geburt kein "leeres Blatt", sondern ein Mensch, der bestimmte Veranlagungen mitbringt. Damit sind alle Variationen offen. Ein grundsätzlich "normales" Kind kann in einem schwierigen Elternhaus gravierende Störungen entwickeln, aber ein mit schwierigen Anlagen geborenes Kind kann trotz einem "normalen" Elternhaus psychisch schwer erkranken (und manchmal mögen auch die besten Eltern eine schlimme Entwicklung nicht verhindern können). Bis zu der Tatsache, dass wirklich "starke" Kinder auch in einem sehr schwierigen Elternhaus sich "normal" entwickeln können. Wenn also ein Patient später einen Therapeuten aufsucht, ist es sehr schwer, nachträglich eine "Schuld" zuzuweisen. Deshalb muss man sich ganz darauf konzentrieren, wie die Umstände erlebt wurden und was sich davon in der Seele "niedergeschlagen" hat.
Das "Schweigen" des Analytikers
Für manche scheint eines der besonderen Kennzeichen von Psychoanalyse das Schweigen des Therapeuten zu sein. Das lässt sich vielleicht nur nachvollziehen, wenn wir von unserer Alltagserfahrung ausgehen: Kaum will man was von sich erzählen, fällt einem der andere ins Wort (entweder es geht ihm selbst noch viel schlechter, oder er weiss alles besser). Und wenn er mal zuhört, dann nur, um alles weitererzählen zu können.
Der Analytiker ist dagegen zu "Neutralität und Abstinenz" angehalten, was bedeutet, dass die Interessen seiner eigenen Person in der Therapie nichts verloren haben. Sein Schweigen ist also kein Schweigen im üblichen Sinn, sondern eine besondere Art des aktiven Zuhörens, er will wirklich nichts von dem verpassen, was ihm der Patient mitteilt. Der Therapeut teilt dann natürlich mit, was er verstanden hat, und welche Überlegungen er dazu hat. Er bringt es vielleicht mit einer Bemerkung oder einer kurzen Frage auf den Punkt. Dem Patienten, der die Erfahrung hat, dass in der Regel mit vielen Worten nichts gesagt wird, mögen vielleicht die wenigen Worte wirklich wie nichts vorkommen, bis er diese Art schätzen gelernt hat, ihm zuzuhören, und bis er selbst gelernt hat hinzuhören.